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Medikamentensucht

Medikamentensucht

Abhängig von Medikamenten
Medikamentensucht bzw. -abhängigkeit ist die Suchtform, bei der der Mensch nicht mehr in der Lage ist, auf ein oder mehrere Medikamente zu verzichten – auch wenn er es gerne möchte und die Einnahme medizinisch nicht nötig ist. Medikamentenabhängige nutzen in der Regel die Wirkungen und Nebenwirkungen eines Arzneimittels, um ihre
* Wahrnehmungen
* Gefühle
* Stimmungen
zu beeinflussen. Der ursprüngliche Anlass zur Einnahme des Medikamentes kann dabei oft
ganz in den Hintergrund treten. Um immer wieder die gewünschte Wirkung zu erzielen, muss meistens die Dosis gesteigert werden. Manchmal muss ein weiteres Suchtmittel eingenommen werden, um eine zu starke Wirkung wiederauszugleichen. Die Einnahme im Handel erhältlicher Medikamente ist legal. Medikamenteneinnahme ist gesellschaftlich akzeptiert. Dies erschwert die Unterscheidung zwischen dem notwendigen Medikamentenkonsum und der Sucht. Medikamentensucht ist als Krankheit anerkannt und kann erfolgreich behandelt werden.
Medikamente – hilfreich im Notfall
Nicht jeder, der Medikamente nimmt, ist süchtig. Keine Medikamentensucht liegt vor bei
Menschen mit chronischen Krankheiten oder Schmerzen. Also Menschen, deren Leben oder Lebensqualität nur durch die ständige Einnahme spezieller Mittel erhalten oder verbessert werden kann. Wichtig ist dabei die ständige Überwachung des Medikamentenkonsums
durch den Arzt und eine kritische Selbsteinschätzung. Denn auch bei der Einnahme notwendiger Medikamente sollte sich ein Patient von Zeit zu Zeit fragen, ob seine Beschwerden nicht auch ohne oder mit einer geringeren Dosierung zu ertragen sind.
Bei manchen Beschwerden genügt auch die Selbstbeobachtung und die Frage, woher zum Beispiel die Schlaflosigkeit oder der Kopfschmerz kommt. Ein Wechsel im Lebensstil oder eine Klärung von Konflikten hilft hier oft besser. Gerade dies fällt Medikamentenabhängigen besonders schwer. Sie greifen lieber zu einer schnell wirkenden Tablette, als ihre Gewohnheiten zu ändern. Wer jedoch unkontrolliert Medikamente wegen ihrer seelischen Wirkung einnimmt, ist süchtig.
Anregend, beruhigend, schmerzstillend
Drei große Medikamentengruppen werden von Abhängigen am häufigsten als Droge konsumiert:
* Anregungs- und Aufputschmittel (Weckamine)
* Beruhigungs,- und Schlafmittel (Sedativa,Tranquilizer)
* Schmerzmittel.
Trotz des Hinweises zu Risiken und Nebenwirkungen ist vielen Menschen nicht
bewusst, dass jedes wirksame Medikament auch Nebenwirkungen hat. Viele Medikamente beeinflussen das seelische Empfinden und die körperlichen Funktionen. Über längeren Zeitraum eingenommen, können sie schwere Gesundheitsschäden verursachen. Alle oben genannten Mittel können zu einer seelischen und körperlichen Abhängigkeit führen.
Zahlen und Fakten
205 000 verschiedene Medikamente werden weltweit angeboten. LautWeltgesundheitsorganisation (WHO) würden für die medizinische Versorgung in allen Ländern der Welt 200 (zweihundert!) verschiedene Medikamente genügen. Auf dem deutschen Markt gibt es 22 000 verschiedene Medikamente. Die meistverkauften sind Schlafmittel und Beruhigungsmittel. Ein Drittel aller Deutschen hat schon einmal vom Arzt ein Medikament verschrieben bekommen, bei dem Suchtgefahr besteht.
Laut der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) sind in Deutschland 1,4 Millionen Menschen medikamentensüchtig, davon zwei Drittel Frauen. Man schätzt aber, dass es noch weit mehr Menschen gibt, die Medikamente nehmen, ohne dass es aus medizinischer Sicht notwendig wäre. 1996 wurden 180 Millionen Packungen Schmerzmittel
verkauft. Lediglich 45 Millionen davon ärztlich verordnet. Rein rechnerisch konsumiert danach jeder Deutschem fast 50 schmerzstillende Mittel pro Jahr. Eine große Zahl dieser Medikamente wird allerdings ungenutzt in den Müll geworfen.
Hinweise auf Medikamentenmissbrauch
* hoher Medikamentenverbrauch
* häufiger Arztwechsel
* regelmäßiger Griff zur Tablette
Ursachen und Entstehung von Medikamentenabhängigkeit
Meist werden Medikamente vom Arzt wegen bestimmter Beschwerden verschrieben. Der
Patient lernt so die positive Wirkung eines Mittels kennen, setzt das Medikament aber nicht ab, wenn die akuten Beschwerden vorbei sind, sondern nimmt es weiterhin. So können zum Beispiel Schmerzmittel nicht nur den Schmerz lindern, sondern auch anregen und ein angenehmes Körpergefühl erzeugen. Wer Schmerzmittel aus diesen Gründen konsumiert,
gerät in eine Abhängigkeit. Und er muss, um immer wieder die gleiche Wirkung zu erzielen, die Dosis erhöhen. Die Bedenkenlosigkeit gegenüber der Einnahme von Tabletten ist oft auch besonders groß, weil das Mittel von einem Arzt verschrieben wurde. Manche Abhängige sind sich ihrer Sucht nicht einmal bewusst und konsumieren nach eigenem Gutdünken ihre vermeintlich notwendigen Medikamente.
Verlauf und Folgen
Da es sich bei der Einnahme von Medikamenten um ein gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten handelt und Familie und Freunde keine Auffälligkeiten wie zum Beispiel
beim Alkoholrausch feststellen können, bleibt eine Medikamentensucht oft jahrelang unentdeckt. Falls es sich um ein rezeptfreies Medikament handelt, ist die Beschaffung in einer Apotheke völlig problemlos. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten wechseln die
Abhängigen häufig den Arzt und entziehen sich so der Kontrolle. Erst wenn deutliche Verhaltensänderungen wie
* seelische Abstumpfung
* Konzentrationsschwächen
* Wahnvorstellungen oder
* lebensgefährliche Kreislaufzusammenbrüche 
auftreten, wird eine Medikamentenabhängigkeit sichtbar.
Abhängig von mehreren Medikamenten
Viele Abhängige konsumieren verschiedene Medikamente. Oder sie kombinieren sie mit anderen Rauschmitteln wie zum Beispiel Alkohol. Morgens ein aufputschendes Mittel und
abends ein Schlafmittel. Der Wach-Schlaf-Rhythmus gerät aus dem Takt. Der Griff zu höheren Dosen ist programmiert. Alkohol verändert die Wirkungsweise der meisten Medikamente. Durch die Einnahme mehrerer Medikamente sind die Wirkungen nicht mehr kontrollierbar. Neben der starken körperlichen Belastung besteht ein erhöhtes Unfallrisiko.
Kinder und Medikamente
Erschreckend hoch ist der Medikamentenkonsum unter Kindern und Jugendlichen. Drei Viertel aller 14- bis 19-jährigen Jugendlichen erhalten von ihren Eltern Medikamente. Der Druck der Leistungsgesellschaft macht sich schon hier bemerkbar. Zur Minderung von Stress und zur Erhöhung der Schulleistungen werden Kinder unkontrolliert aus der elterlichen Hausapotheke versorgt und erhalten zum Beispiel vor Klassenarbeiten Medikamente zur Förderung der Konzentration. Um seelische Probleme in den Griff zu bekommen, verordnen Ärzte Kindern und Jugendlichen – meist auf Drängen der Eltern – stimmungsbeeinflussende Medikamente, ohne nach den tieferen Ursachen der Störungen zu
suchen.
Doping – höher, weiter, schneller
Höher, weiter, schneller heißt die Devise im Leistungssport. Die Versuchung, bei nicht ausreichenden Leistungen zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen, ist hoch – besonders bei ehrgeizigen Menschen. Die Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung (Doping) ist verboten. Nach Wettkämpfen müssen sich die Sportler einer Kontrolle unterziehen, bei der nach Spuren verbotener Medikamente im Urin gesucht wird. Es gibt jedoch immer wieder neue Mittel, die zunächst nicht nachweisbar sind.
Sportler gehen durch die Einnahme leistungssteigernder Mittel hohe Gesundheitsrisiken ein, sogar den plötzlichen Tod, da die normalen Warnfunktionen des Körpers (Ermüdung, Schwäche) außer Kraft gesetzt sind und der Körper weit über seine Grenzen belastet wird. Das Bedürfnis, die eigenen Leistungsgrenzen zu überschreiten, haben nicht nur Sportler, sondern auch andere Menschen, die sich fortlaufend überfordern und ihren eigenen hohen Ansprüche nur mit Hilfe von Drogen genügen können.
Behandlung
Medikamentenabhängigkeit bzw. -sucht ist als Krankheit anerkannt. Deshalb übernehmen
die Krankenkassen die Behandlung. Ohne fachliche Unterstützung fällt es nicht leicht, sich von einer Sucht zu befreien. Die meisten Abhängigen täuschen sich und andere. Sie verleugnen ihre Sucht und gestehen sich selbst nicht ein, dass sie ihre Medikamente dringend brauchen. Häufig endet der Versuch, die Abhängigkeit selbst zu bewältigen, in entmutigenden Rückfällen.
Der erste Schritt aus der Abhängigkeit
Die Einsicht „Ich bin süchtig. Ich will so nicht weitermachen. Ich brauche
Hilfe“ ist der erste Schritt aus der Abhängigkeit. Jetzt kann der Süchtige Hilfe suchen, Kontakt zu Beratungsstellen aufnehmen und das erste Mal offen über sein Problem mit Fachleuten reden. 240 Suchtberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen bieten Unterstützung und klären gemeinsam mit dem Betroffenen die weiteren Schritte der Behandlung.
Der Entzug
Bei der Behandlung steht zunächst die körperliche Abhängigkeit von der Droge im
Vordergrund. Dem Körper wird die Droge entzogen, er wird entgiftet. Dieser Entzug ist meist mit starken, unangenehmen Entzugserscheinungen verbunden. Er dauert 2 bis 3 Wochen
und sollte in einer Fachklinik durchgeführt werden. Die professionelle medizinische Versorgung, eine drogenfreie Umgebung und der Kontakt zu Leidensgenossen erleichtern die Heilung.
Entwöhnung durch Therapie
Nachdem der Körper von der Droge unabhängig geworden ist, kann die seelische Abhängigkeit behandelt werden. Um Rückfälle zu vermeiden, muss der Kranke lernen, ohne Medikament auszukommen. Er muss die tieferen Ursachen seiner Abhängigkeit erkennen und andere Wege finden, mit Problemen umzugehen. Eine solche Therapie kann in einer Fachklinik oder aber ambulant in Einzel- oder Gruppentherapie durchgeführt werden.
Vorbeugung
Suchtvorbeugung muss in der Kindheit beginnen. Hier entwickelt sich das Selbstwertgefühl. Schon das Kind kann lernen, mit Problemen angemessen umzugehen und sein Leben aktiv zu gestalten. So gestärkt kann es später einer Suchtgefahr besser standhalten. Suchtvorbeugung heißt: Selbständigkeit, Selbstachtung, Selbstfindung und Lebensfreude bei
Kindern fördern, Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten stärken. Der Aufbau der Ich-Stärke ist zentrales Ziel suchtvorbeugender Arbeit in NRW. Damit Kinder und Jugendliche gerade in schwierigen Lebenssituationen eigenständig entscheiden können, „Nein“ zu sagen und Verantwortung (für sich und ihr Handeln) zu übernehmen. Beim Umgang mit Medikamenten ist das elterliche Vorbild allerdings auch wichtig. Eltern sollten ihren eigenen Medikamentenkonsum kritisch kontrollieren. Reden Sie offen mit Ihrem Kind über Sucht und Suchtgefahren. Kinder sollten wissen, wie Medikamente wirken und wie schädlich Medikamente sein können.


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